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Innopulse Consulting
Öffentliche Beschaffung

Was sind die WTO-Schwellenwerte im Beschaffungswesen?

Kurzdefinition

Schwellenwerte sind Auftragswerte, ab denen ein bestimmtes Vergabeverfahren vorgeschrieben ist. Oberhalb der staatsvertraglichen Schwellen aus dem WTO-Beschaffungsübereinkommen gelten die strengsten Regeln und der weiteste Marktzugang. Die Werte werden periodisch angepasst.

Schwellenwerte sind im öffentlichen Beschaffungswesen die Beträge, ab denen ein bestimmtes Verfahren vorgeschrieben ist. Sie bestimmen damit, wie offen ein Auftrag ausgeschrieben werden muss — und für Anbieter, ob ein Auftrag überhaupt öffentlich sichtbar wird. Die Bezeichnung WTO-Schwellenwerte verweist auf die höchste Stufe: die Werte aus dem Beschaffungsübereinkommen der Welthandelsorganisation, oberhalb derer der Staatsvertragsbereich greift.

Die Grundlogik

Der Gesetzgeber verfolgt zwei gegenläufige Ziele. Einerseits soll öffentliche Beschaffung transparent und wettbewerblich sein, was für ein förmliches, offenes Verfahren spricht. Andererseits wäre es unverhältnismässig, jede kleine Anschaffung durch ein mehrmonatiges Ausschreibungsverfahren zu schleusen. Schwellenwerte lösen diesen Zielkonflikt, indem sie den Formalisierungsgrad an die wirtschaftliche Bedeutung koppeln. Je höher der Auftragswert, desto offener das vorgeschriebene Verfahren — von der freihändigen Vergabe über das Einladungsverfahren bis zum offenen Verfahren im Staatsvertragsbereich.

Warum es nicht einen Wert gibt

Es existiert keine einzelne Zahl, die man sich merken könnte. Die Schwellen unterscheiden sich nach Auftragsart — Lieferungen, Dienstleistungen und Bauleistungen werden unterschiedlich behandelt, und bei Bauleistungen wird teilweise zusätzlich nach Bauhaupt- und Baunebengewerbe differenziert. Sie unterscheiden sich zudem nach Ebene und Auftraggeber, und im Sektorenbereich gelten eigene Werte. Hinzu kommt, dass die Beträge periodisch überprüft und angepasst werden. Aus all dem folgt eine praktische Regel: Schwellenwerte gehören bei jedem Verfahren in der aktuellen Fassung nachgeschlagen und nie aus dem Gedächtnis zitiert.

Der Staatsvertragsbereich

Oberhalb der Schwellen aus dem WTO-Beschaffungsübereinkommen befindet sich ein Auftrag im sogenannten Staatsvertragsbereich. Dort gelten die strengsten Anforderungen an Transparenz, Gleichbehandlung und Nichtdiskriminierung, und der Marktzugang ist am weitesten geöffnet — auch für Anbieter aus anderen Vertragsstaaten. Für ein Schweizer Unternehmen bedeutet das zweierlei: Grössere Aufträge sind zuverlässig öffentlich sichtbar, aber das Wettbewerbsfeld ist entsprechend breiter. Unterhalb des Staatsvertragsbereichs sind die Verfahren schlanker und das Feld oft regionaler.

Wie der Auftragswert bestimmt wird

Massgeblich ist nicht der Preis eines einzelnen Angebots, sondern der geschätzte Gesamtwert des Auftrags. Bei einem Vertrag mit mehrjähriger Laufzeit zählt der Wert über die Laufzeit, bei einem Rahmenvertrag das geschätzte Gesamtvolumen aller Abrufe. Bei Losaufteilung ist grundsätzlich der Gesamtwert des Vorhabens massgeblich und nicht der einzelne Los, was verhindern soll, dass ein Vorhaben durch Aufteilung unter eine Schwelle gedrückt wird. Diese künstliche Aufteilung zur Umgehung von Schwellenwerten ist unzulässig — ein Punkt, der für Anbieter relevant ist, weil er einen möglichen Beschwerdegrund darstellt.

Was unterhalb der Schwellen passiert

Der Bereich unter den Schwellenwerten wird von Anbietern regelmässig unterschätzt. Dort finden zahlreiche Vergaben in Einladungs- oder freihändigen Verfahren statt, und sie sind für kleinere und regionale Unternehmen oft besser zugänglich als die grossen, breit umkämpften Verfahren. Wer in diesem Bereich bekannt ist und bei Vergabestellen als leistungsfähiger Anbieter registriert wird, erhält Einladungen. Der Weg dorthin führt allerdings nicht über eine Suchmaschine, sondern über Sichtbarkeit, Referenzen und die Bereitschaft, auch kleinere Aufträge sorgfältig zu bearbeiten.

Praktische Konsequenz

Für die tägliche Arbeit lassen sich drei Punkte festhalten. Erstens: Die Verfahrensart ergibt sich aus dem Auftragswert, und wer die Verfahrensart kennt, weiss, wie viel Formalismus zu erwarten ist. Zweitens: Die Werte sind veränderlich und müssen aktuell geprüft werden. Drittens: Die Vermutung, ein Vorhaben sei zu Unrecht in einem geschlossenen Verfahren vergeben worden, ist ein möglicher Beschwerdegrund — die Wahl des Verfahrens ist selbst überprüfbar. Wer das weiss, liest die Verfahrensangabe einer Publikation mit anderen Augen.

Öffentliche Beschaffung ist unser Fachgebiet

Innopulse erklärt nicht nur Begriffe — wir setzen sie für DACH-Unternehmen in die Praxis um.