Die meisten Softwareprojekte scheitern nicht an der Technik, sondern an Anforderungen: unklar, widersprüchlich, unvollständig oder zu spät erkannt. Requirements Engineering ist die Disziplin, die dieses Risiko systematisch angeht. Sie ist in klassischen wie in agilen Vorgehen nötig, nur in unterschiedlicher Form.
Die vier Tätigkeiten
Ermitteln: Anforderungen aus Gesprächen, Workshops, Beobachtung, Dokumenten und bestehenden Systemen gewinnen und dabei die richtigen Stakeholder einbeziehen. Dokumentieren: in einer Form, die für die Beteiligten verständlich ist, von natürlicher Sprache über Modelle bis zu User Stories. Validieren: prüfen, ob die Anforderungen richtig, vollständig, widerspruchsfrei und umsetzbar sind, bevor gebaut wird. Verwalten: Änderungen, Prioritäten, Versionen und die Rückverfolgbarkeit bis zu Tests über den gesamten Lebenszyklus.
Arten von Anforderungen
Funktionale Anforderungen beschreiben, was das System tun soll. Qualitätsanforderungen beschreiben, wie gut: Leistung, Sicherheit, Verfügbarkeit, Benutzbarkeit, Wartbarkeit. Randbedingungen beschreiben Vorgaben, die nicht verhandelbar sind, etwa Gesetze, Datenresidenz oder vorgegebene Technologien. Qualitätsanforderungen und Randbedingungen werden am häufigsten vergessen, und sie verursachen die teuersten Überraschungen.
Klassisch und agil
In klassischen Vorgehen entsteht früh ein umfassendes Dokument, etwa ein Lastenheft oder Pflichtenheft, das Grundlage für Ausschreibung und Abnahme ist. In agilen Vorgehen werden Anforderungen schrittweise verfeinert, und das Backlog ersetzt das Dokument. Beide brauchen dieselben Fähigkeiten. In öffentlichen Ausschreibungen und Projekten nach HERMES kommen beide Welten oft zusammen: ein verbindlicher Anforderungskatalog für die Beschaffung, agile Verfeinerung in der Umsetzung.
Der Standard IREB CPRE
Das International Requirements Engineering Board (IREB) definiert mit dem Certified Professional for Requirements Engineering (CPRE) einen verbreiteten Wissensstandard mit einheitlicher Terminologie. Er ist kein Vorgehensmodell, sondern ein gemeinsames Vokabular und Methodenwissen. Leutrim Miftaraj, Gründer von Innopulse, ist nach IREB CPRE Foundation Level zertifiziert und arbeitet als Business Analyst in Mandaten bei Schweizer Institutionen nach diesem Standard.
Woran man gutes Requirements Engineering erkennt
Jede Anforderung hat eine Quelle und eine Priorität, ist eindeutig formuliert und prüfbar. Abnahmekriterien stehen fest, bevor gebaut wird. Widersprüche werden aufgelöst, nicht vertagt. Und es gibt einen geregelten Weg für Änderungen, der Auswirkungen auf Aufwand und Termine sichtbar macht. Wo diese Disziplin fehlt, hilft eine externe Projektleitung mit Business-Analyse.
